„Deine Hilfebedürftigkeit ist für andere ein Weg zum Himmel“
So ungefähr lautete der Satz eines weisen Mannes, als wir vor einiger Zeit über meine „Kämpfe“ sprachen. Weißt du, bevor Gott mich mit seiner Gnade berührte, lebte ich jahrelang nach dem Motto: „Selbst ist die Frau.“ Ich eignete mir dieses Motto mit sechzehn an. Damals wohnte ich bereits allein, schmiss aus Trotz meinen Eltern gegenüber die Schule und begann zu arbeiten um mir dann meinen Abschluss, mein angefangenes Studium, meinen Führerschein und mein erstes Auto selbst zu finanzieren.
Nein, meinen Eltern werfe ich heute nichts davon vor. Denn das war nie das, was sie sich für mich gewünscht hätten. Es waren lediglich die Konsequenzen meines überheblichen, trotzig-rebellischen Benehmens, nachdem sie mich in Liebe zurechtgewiesen hatten. Sie haben also, aus heutiger Sicht, alles richtig gemacht und dürfen diesbezüglich ein reines Gewissen haben – vor allem Gott gegenüber.
Als jahrelang „Alleinerziehende“ von drei Kindern innerhalb einer Ehe (ja, nie geschieden, nie getrennt) schmiss ich nicht nur das gesamte Familien- und Haushaltsleben, sondern baute mir nebenbei auch noch ein Business auf. Mein Mann arbeitete Vollzeit und studierte zusätzlich. In jeder freien Minute war er im Büro, eingesperrt zwischen Büchern, um zu lernen. Warten, bis er unsere zwei Meter hohen Möbel aufbaut, zwölf 60-Liter-Säcke Blumenerde aus dem Auto in die Wohnung trägt oder mir zur Hilfe eilt, weil mein Auto nach dem Großeinkauf mit den Kids einfach nicht mehr anspringen wollte? Keine Option. Ich regelte das alles selbst. Selbst ist die Frau- du weißt schon.
Ja, selbst mit 40 Grad Fieber saß ich oft mit allen Kindern allein im Krankenhaus, weil auch sie krank waren. Nicht selten kippte ich dabei fast um, weil mein Kreislauf einfach schlapp machte. Um Hilfe fragen? Wen denn? Meine Eltern – die am anderen Ende von Wien wohnen, weil mein Mann unbedingt dort bleiben wollte, wo er großgeworden ist. Sie brauchen zu diesen Uhrzeiten mindestens anderthalb Stunden bis zu uns. Außerdem waren auch sie gebunden an ihre Selbstständigkeit, mit kleinen Kindern im Haus, die selbst Zuwendung, ein warmes Mittagessen nach der Schule und Hilfe bei den Hausaufgaben brauchten. Mein jüngster Bruder ist im Alter meiner ältesten Tochter. Das sagt wohl alles. Meine anderen Geschwister? Damals selbst noch Kinder, mit eigenen Sorgen und Schulheften. Heute arbeiten viele von ihnen Vollzeit, tragen Verantwortung für ihre eigenen Familien oder wohnen einfach noch weiter weg.
Ja, es gab ein paar wenige, die ich um Hilfe bat. Zwei- oder dreimal vielleicht. Auf jeden Fall an einer Hand abzählbar. Wenn selten, aber doch Hilfe kam, ließ ich das nie einfach so stehen, sondern revanchierte mich großzügig. Entweder durch Geldgeschenke oder andere kostspielige Dinge. Doch meistens kam ohnehin eine Ablehnung, und ich spürte, dass kein echtes Interesse an mir oder den Kindern da war. Oder sie halfen, aber mit so viel Kritik und Unruhe, dass du zwar den Kinderarzttermin schaffst, aber danach den Rest der Woche unter seelischen Schmerzen leidest.
Es war keine Liebe da. Und was ist das für eine Hilfe, wenn man den Menschen ansieht, dass sie in Wirklichkeit gar keine Lust haben, und es kaum erwarten können, wieder zu gehen? So schwor ich mir: Nie wieder um Hilfe bitten. Außer es brennt. Wortwörtlich. Anfangs war es Selbstschutz. Doch bald wurde es Stolz. Purer Stolz. Ich dachte mir: Nicht mit mir. Ich zeig’s euch. Ich brauche niemanden! Weder Mann, noch Familie, noch Freunde. Selbst ist die Frau. Selbst ist die Mutter. So viel zu meiner Zeit vor Gottes Gnade. Ich denke, du kannst dir jetzt ein recht gutes Bild davon machen, wer ich damals war.
Doch dann schenkte Gott mir ein neues Herz. Es wurde weich. Ich hatte Mitleid mit all diesen Menschen und spürte eine unbeschreibliche, bedingungslose Liebe – auch zu denen, die mir wehgetan hatten. Ich verzieh ihnen allen. Von ganzem Herzen. Doch die Hemmung, um Hilfe zu bitten, blieb. Ich war mir sicher: Es war kein Stolz mehr. Ich wollte einfach niemanden belasten. Niemandem zur Last fallen. Wenn es dann wirklich „brannte“, wiesen mich im Nachhinein einzelne, mir nahe Personen zurecht. Ich müsse lernen, um Hilfe zu bitten, sagten sie. Ich solle nicht so stolz sein. Daher prüfte ich mein Herz. Lange. Ich sprach mit Priestern. Und es bestätigte sich: Es war kein Stolz. Es war Rücksicht. Liebe. Das Bedürfnis, einfach niemandem zur Last zu fallen.
Doch ich wagte es wieder. Ich fragte. Manchmal. Und meistens kam wieder nur Ablehnung. Das tat weh. Besonders, wenn man selbst eine Person ist, die immer alles stehen und liegen lässt, um anderen zu helfen. Trotz eigener vier Kinder. Trotz Terminen. Ich sage ab, organisiere um, nehme notfalls alle mit. Hauptsache, die Hilfe kommt an. Und dabei spüre ich immer nur eins: Liebe. Reine, tiefe Liebe. Und die Freude danach? Einfach unbeschreiblich. Darum schmerzt es mich umso mehr, wenn andere diese Liebe nicht empfinden. Wenn sie helfen – aber ohne Herz. Schnell. Kalt. Gefühllos. Lieblos. Das tut weh.
Damit kein falsches Bild entsteht, möchte ich dir unbedingt von zwei Ereignissen erzählen, bei denen ich Gottes persönliches Eingreifen deutlich spürte. Gott schickte mir Menschen, von denen ich am wenigsten Hilfe erwartet hatte. Menschen mit eigenen Kleinkindern, die über eine Stunde Fahrt auf sich nahmen, nur um uns, als wir krank waren, Essen und Medikamente zu bringen und danach direkt wieder heimfuhren. Oder diese eine Familie mit Kindern, die spontan kam, als ich einen Schub hatte und ans Bett „gefesselt“ war. Sie putzte das Bad, bügelte unsere Wäsche, während wir gemeinsam im Schlafzimmer saßen und über Gott und die Welt sprachen.
Mein Bad war noch nie so sauber. Ich sage das nicht, weil mir Sauberkeit so wichtig ist, sondern um zu zeigen, wie viel Herzblut sie hineingesteckt hat. Es war kein grobes „schnell drüber wischen und fertig“. Nein – mit einer Zahnbürste putzte sie sogar die Fugen und kein einziges Mal hat sie dabei gestöhnt, trotz eigener Rückenprobleme. Sie lächelte einfach durchgehend, und ich spürte die Wärme, die Liebe, die sie ausstrahlte. Ihr Mann kümmerte sich währenddessen liebevoll und geduldig um die Kinder.
Und weißt du, was das Schönste daran war? Ich hatte sie nicht um Hilfe gebeten. Weder die eine noch die andere Familie. Sie sahen die Not und handelten sofort. Aus Liebe. Ich war so überwältigt, dass ich tagelang vor Freude und Dankbarkeit weinte. Nicht etwa, weil das Bad so sauber war, sondern weil ich echte, aufrichtige – göttliche – Liebe erfahren durfte. Einmal meinte jemand, halb ironisch: „Du weißt schon – wenn du Hilfe anbietest, aber insgeheim hoffst, dass sie sie gar nicht brauchen.“ Ganz ehrlich, bei so einem Herzen wird mir richtig übel.
Ich sah, dass Gott sorgt. Und so verzichtete ich weiter darauf, explizit um Hilfe zu bitten – wo andere längst darum gebeten hätten. Doch dann kam Gottes Zurechtweisung. Er schickte mir einen Mann, der ungefähr Folgendes zu mir sagte: „Deine Hilfebedürftigkeit ist für andere ein Weg zum Himmel. Hilf ihnen, diesen Weg schneller und einfacher zu meistern. Gib ihnen die Chance, Schätze im Himmel zu sammeln. Du musst nicht einmal ausdrücklich sagen, dass du Hilfe brauchst – die Menschen sind nicht dumm. Aber lass sie wissen, wann etwas ansteht und wann es für dich herausfordernd werden könnte. Das ist ihre Chance – und gleichzeitig eine Prüfung Gottes.“
Diese Worte hallen seitdem immer wieder in meinem Kopf nach. Und weißt du was? Es hat geholfen. Es fällt mir zwar noch immer schwer, im besten Fall jemandem die Zeit zu „rauben“ und dabei zuzusehen, wie vielleicht mein Haushalt erledigt wird, während ich krankheitsbedingt im Bett liege. Doch wenn man es in Vereinigung mit Jesus tut, verwandelt sich die Last in Freude. Denn du darfst miterleben, wie andere Schätze für den Himmel sammeln – und Gott dich dabei als Werkzeug seiner Liebe gebraucht. Daher möchte ich dir genau diese Worte weitergeben.
Aber Achtung: Wenn du, so wie ich, dazu neigst, dich immer gleich revanchieren zu wollen, gewöhn dir das wieder ab. Denn dann hätten sie ihren Lohn schon hier auf Erden erhalten. Prüfe außerdem dein Herz: Warum hast du das bisher immer getan? Vielleicht auch aus Stolz? Es ist auf jeden Fall eine wunderbare Übung in Demut, die Person einfach „nur“ mit einem herzlichen „Danke“ ziehen zu lassen. Glaub mir: Gott zahlt tausendmal besser als wir.
Und was, wenn sie dich wieder ablehnen? Dann war es ihre verpasste Chance, Jesus zu helfen und IHM zu dienen. Dann bete für sie. Um Vergebung. Und Barmherzigkeit. Denn eines Tages wird es heißen: „Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan.“ (Matthäus 25,45)
Sende diesen Beitrag an jemanden, dem es schwerfällt nach Hilfe zu fragen – egal ob aus Stolz oder aus dem Wunsch heraus, niemandem zur Last zu fallen.
In Liebe,
deine Veronika
